Von Haus zu Haus

Trauer, Täuschung, Tod und Trug

Freilichtbühne begeistert Premierenpublikum mit dem Kriminalstück "Die Falle"

Gundelfingen (hvg). Leben herrscht in Wildtals Ortsmitte – und der Tod. Mit dem Kriminalstück „Die Falle“ des französischen Autors Robert Thomas bannte und begeisterte die Freilichtbühne Gundelfingen ihr Premierenpublikum im Bürgersaal der Sonne mit „Mordsstimmung“.


Ein Alptraum: Drei Monate nach der Hochzeit ist Daniel Corbans Ehefrau plötzlich spurlos verschwunden. In einem abgelegenen Chalet hofft er auf eine Wiederkehr der nach einem Streit aus dem Haus Geflüchteten. Als der Ortspfarrer ihm seine Gattin wiederbringt, schlägt seine Vorfreude in Empörung um: Die Gekommene ist eine ihm völlig Fremde. Behauptet er. Der Kommissar sucht zwischen Lug und Trug eine Spur auszumachen, doch die Verhältnisse verwickeln sich immer mehr, als auch ein mittelloser Kunstmaler und ein zwielichtiger Pfleger im Geschehen eine Rolle spielen.


Verdichtete Atmosphäre

Das ungemein erfolgreiche Stück (das meistgespielte in der deutschsprachigen Theater-Saison 1960/61, weltweit Tausende Male gezeigt und 1983 mit Judy Winter verfilmt) birst vor Spannung. Die in die überschaubare Lokalität des Bürgersaals zu zwingen, gelingt Regisseur Jesse Coston, indem er aus der relativen Enge eine Tugend macht: Auf wenigen Quadratmetern einer markant bestückten „Bühne“ agiert sein Ensemble, das Publikum ist also hautnah dabei. In solcher Wohnzimmer- atmosphäre erlebt man mit, was man daheim gewiss nicht haben will: Lug und Trug, lautstarke Auseinandersetzungen, Anschuldigungen, Verdächtigungen – bis hin zum Mord.

Im Dunkeln und von der ersten Sekunde von Nervosität geprägt lässt Coston das Stück beginnen, lässt mit wenigen musikalischen Takten sogleich Gänsehautmomente hineinrieseln, hat in Kooperation mit der Technik (Lucas Häringer) ein sparsam-effektives Begleitinstrumentarium installiert, das die Ausdrucksstärke des Ensembles suptil verdichtet.


Wer hilft wem?

Daniel Hey in der männlichen Hauptrolle ist von Spielbeginn an auf Hochtouren und dreht im Verlauf der Handlung dennoch zusätzlich auf. Sein tief besorgter, verlassener Ehemann und sich immer tiefer in ein ausgeklügeltes Komplott verstrickt sehender Chalet-Bewohner ist ein vielschichtiger, zwischen intellektueller Bewältigung der bedrohlichen Herausforderungen und nahe an Hoffnungslosigkeit reichender Verzweiflung gebeutelter Mensch. Jürgen Hey spielt im Kommissar – steht er auf Corbans Seite oder auf der „der Anderen“? – den mandatsbewussten Kriminalen, der bis zum finalen Wendepunkt (nachdem es derer zuvor etliche gegeben hat) seine dynamische Funktion als Aufklärer unter zeitweilig tapsigem Auftreten zu verdecken versteht.


Entspannung für noch mehr Spannung

Abraham Avedikian sorgt als „nicht ganz sauberer“ Pfleger unvermutet für zusätzliche Wendungen, Wernfried Weber als „Kunschtmaler Seehecht“ bringt durch Kostümierung wie Ausdrucksweise besonderes Kolorit in die Inszenierung und verdeutlicht ein Gestaltungselement der Aufführung besonders: Von Zeit zu Zeit ist diese durchsprenkelt von humoristischen Momenten, die für den Zuschauer (überlebens-)wichtig sind: so gerade eben geben sie ihm Zeit zumAtemholen – wonach die Spannung sofort wieder hochgefahren wird.

Dafür sorgen nicht zuletzt Pfarrer Martin (JürgenHaeussler)und ‚Mme Corban‘ (Anita Haeussler-Häringer). Zufall oder Absicht, dass sie oft zusammen zu sehen sind? Der ‚himmelwärts‘ orientierte Geistliche changiert zwischen leichtweltabgehoben agierend und überraschend anders geartetem Charakter. Grandios nicht zuletzt die „Dame im Spiel“ in ihrem zwielichtigen Wechsel von Zugeneigtheit und Eiseskälte; ihr luziferisches Lachen nach dem harmlos klingenden „Liebling, magst du ein Omelett – mit Pilzen?“ wagt sich keiner anzuhören.


Wer sich doch traut, in „Die Falle“ zu gehen, hat noch wenige letzte Chancen: Freitag/Samstag,  23./24. Februar (Restkarten: Buchhandlung Brand) Sonntag,6. Mai sowie 3. Juni, Alemannische Bühne Freiburg.


 

Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Von Haus zu Haus vom Do, 22. Februar 2018

von: Herbert Geisler

Fotos: Herbert Geisler

Badische Zeitung

Wer ist Elisabeth wirklich?

Die Gundelfinger Freilichtbühne spielt im Gasthaus Sonne in Wildtal vor vollem Haus das Krimistück "Die Falle"

GUNDELFINGEN. Die Gundelfinger Freilichtbühne spielt auch im Winter Theater und deshalb fand die Premiere des Kriminalstücks "Die Falle" von Robert Thomas nicht im Freien, sondern im Bürgersaal des Gasthauses Sonne im Wildtal statt. "Die Falle" war 1961 das meist aufgeführte Stück in Deutschland. Am kommenden Wochenende gibt es noch einmal zwei Aufführungen. 


Die Plätze reichen nicht aus, als am Samstagabend das Publikum ins Gasthaus Sonne Platz strömt. Die Veranstalter bringen weitere Stühle. Als kurz darauf das Licht angeht, befindet sich das Publikum in einem Chalet in den französischen Alpen. Seinem einsamen Bewohner, Daniel Corban – überragend gespielt von Daniel Hey – ist vor zwei Wochen die frisch angetraute Ehefrau weggelaufen. In den Flitterwochen des jungen Paares war es zu einem Streit gekommen. Nun ist Elisabeth Corban verschwunden.


Die Polizei hat zwar die Fahndung eingeleitet, doch nimmt sie den Fall nicht sonderlich ernst. Urplötzlich steht Pfarrer Martin (Jürgen Haeussler) mit einer freudigen Nachricht in Daniels Chalet: Elisabeth Corban ist zurück. Kurz darauf steht der junge Daniel jedoch keinesfalls seiner Gattin gegenüber ...


Mit überzeugender Verzweiflung versucht Daniel Hey in der Hauptrolle den Polizeikommissar, gespielt von Jürgen Hey, von dem falschen Spiel der Kriminellen zu überzeugen – denn dass es sich bei der falschen Elisabeth um eine Kriminelle handelt, dessen ist er sich sicher.


Anita Haeussler-Häringer, die die falsche Elisabeth spielt, gelingt es, den Polizeikommissar mit Hilfe ihres Komplizen, Pfarrer Martin, immer und immer wieder von ihrer Unschuld zu überzeugen – was nicht zuletzt daran liegt, dass die falsche Elisabeth ihre Rolle mehr als gut gelernt hat. So weiß sie auf jede noch so intime Frage aus dem Leben der jungen Eheleute die richtige Antwort. Und selbst, als sie das falsche Hotel nennt, in welchem sich die Eheleute während ihrer Flitterwochen aufgehalten hatten, erscheint wie von Zauberhand der Name des Ehepaars in dessen Buchungen. Daniel Corban ist sich sicher, dass das Netz der Kriminellen weit mehr Personen umfasst, als nur die falsche Elisabeth und Pfarrer Martin.


Anita Haeussler-Häringer schafft es, mit dem schnellen Wechsel zwischen überzeugender Unschuld und hämischer Boshaftigkeit nicht nur das Publikum, sondern auch den Polizeikommissar ein ums andere Mal an der Nase herumzuführen. Der Konflikt spitzt sich zu, als zufällig der Trauzeuge des Ehepaars Corban in Daniels Chalet stolpert – ein Landstreicher und Maler, der sich damals bei der Hochzeit als Trauzeuge ein kleines Zubrot verdient hatte.


Die kriminelle Bande um die falsche Elisabeth und Pfarrer Martin jedoch schreckt auch vor Gewalt nicht zurück – und sie tut alles, um es der falschen Elisabeth möglich zu machen, den Platz ihrer Vorgängerin einzunehmen.


Unter der Regie von Jesse Coston, der mit "Die Falle" bereits das zweite Stück mit der Freilichtbühne Gundelfingen aufführte, probte das Ensemble seit Oktober. Es war das erste Mal, dass die Freilichtbühne auch im Winter spielte – aufgrund der winterlichen Wetterverhältnisse jedoch drinnen.


In weiteren Rollen zu sehen waren in dem Kriminalstück Wernfried Weber, der dem Publikum in seiner Rolle als Landstreicher "Seehecht" viele Lacher entlockte, und Abraham Avedikian, der den bestechlichen Krankenpfleger Berton spielte und der aufgrund seiner Ehrlosigkeit auf der Bühne kein Sympathieträger sein konnte.


Das Theaterstück "Die Falle" wird noch einmal am Freitag, 23., und am Samstag, 24. Februar, jeweils um 20 Uhr in der Sonne im Wildtal aufgeführt.


 Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der BZ vom Mo, 19. Februar 2018

von: Enya Steinbrecher

Fotos: Enya Steinbrecher

Badische Zeitung

Ein Garant für gute Unterhaltung

Freilichtbühne Gundelfingen führt "Cyrano de Bergerac" auf. 


 

GUNDELFINGEN. Cyrano de Bergerac kommt nach Gundelfingen. An sieben Abenden im Juli spielt die Freilichtbühne eine freie Fassung des Schauspiels von Rostand Edmond. Regie führt Jesse Coston, der seit Januar dieses Jahres die Theaterarbeit des Ensembles leitet.


"Warum sprechen Sie nicht etwas flüssiger, hat Ihre Fantasie die Gicht?", fragt Roxane leicht verärgert ihren Auserwählten vom nächtlichen Balkon herab. Unter diesem stehen der äußerlich schöne, aber äußerst tölpelhafte Christian de Neuvilette – und, unerkannt, Cyrano de Bergerac, ein Ästhet der Worte, doch äußerlich gestraft mit einer riesenhaften Nase. Obwohl Cyrano selbst unsterblich in seine engelsgleiche Cousine Roxane verliebt ist, leiht er dem Dummkopf Christian seine Stimme und Worte, um ihm zu helfen Roxanes Herz zu erobern. Mit der Unterstützung seines Ghostwriters und -speakers gewinnt Christian Roxanes Liebe. Die beiden Männer dienen als Kadetten im Gascogner Regiment unter dem Grafen de Guiche. Auch der hat ein Auge auf Roxane geworfen. Doch diese weist den Widerling zurück und das hat Folgen.


 Unter den äußerst konzentrierten Blicken von Jesse Coston verkörpern die Darsteller ihre Figuren nahezu professionell. Ganz authentisch zeigt sich etwa die Reaktion bei Cyrano (Daniel Hey), als Roxane (Anita Haeussler-Haeringer) ihm überschwänglich eröffnet, dass sie sich in Christian (Jürgen Haeussler) verliebt hat: Dem gerade noch hoffenden und zutiefst enttäuschten Helden fällt buchstäblich das Gesicht hinunter, schlagartig nimmt seine Stimme einen indignierten Tonfall an. Ebenso echt gespielt sind die Tölpelhaftigkeit von Christian, die brutale Abgebrühtheit des Grafen de Guiche (Jürgen Hey) und die fröhliche Unbekümmertheit – "zuerst das Fressen, dann die Moral" – des Kochs Raguneau (Abraham Avedikian). In weiteren Rollen spielen Barbara Hauck, Joachim Rau, Wernfried Weber, Maher Dbyat und Lucas Haeringer.  


Jesse Coston, der seit Jahresbeginn bei der Freilichtbühne Regie führt, bearbeitete die Originalfassung von Edmond Rostand. Er komprimierte das aus fünf Akten bestehende Schauspiel, das am 28. Dezember 1897 in Paris uraufgeführt wurde, auf zwei Akte mit einer etwa 90-minütigen Spieldauer. In die Handlung, die im 17. Jahrhundert in Frankreich während einer spanischen Belagerung spielt, hat Coston verschiedene moderne Elemente integriert und mit originellen Einfällen aufgefrischt. Jesse Coston stammt aus dem US-Bundesstaat Virginia und war bis zu seiner Pensionierung 2008 an der Freiburger Opernbühne und bei den Breisacher Festspielen tätig.  


Mit den Worten "Du redest Sauermilch und ich will süße Sahne" fordert Roxane von ihrem geliebten Christian gute Unterhaltung. Mit der Freilichtbühne wird es die auf jeden Fall geben. 


 

Veröffentlicht am  Di, 27. Juni 2017 in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung.

von: Gabriele Fässler

Foto: Gabriele Fässler

Von Haus zu Haus

"Es ist meine Seele, die sie liebt!"


Freilichtbühne Gundelfingen mit großen Gefühlen: "Cyrano de Bergerac" - Weitere Aufführungen an zwei Wochenenden

Gundelfingen (hvg). Zwei Leben für die Liebe! Mit „Cyrano de Bergerac“ überwindet die Freilichtbühne Gundelfingen ihre Zeit der Irrungen und Wirrungen und kommt in veränderter Besetzung groß zurück: Höfisches und Kampfgetöse, Komödiantisches und Tragisches führt sie vor. Und vor allem: Große Gefühle.


Dafür sorgt Regisseur Jesse Coston mit seiner umfangreichen Erfahrung u.a. von der Oper Freiburg und den Freilichtspielen Breisach auf fast unscheinbare und doch wirkungsvolle Weise. Der Spielfluss stockt nicht, die Texte sitzen, Gestikwird pointiert eingesetzt, minimale Technikeffekte (Licht und Ton: Mika Busch; Technik: Lucas Häringer) steigern die Aussagekraft einzelner Szenen. 


So lässt Coston gelegentlich den Cyrano geringfügig versetzt am Bühnenrand agieren. Daniel Hey, der diesen großartig verkörpert, zieht dann gleichwohl die Publikumsaufmerksamkeit auf sich, ohne seine Stimme wesentlich erheben zu müssen: Allein wie er mit ihr Intensität artikuliert, wie er Gefühle nach außen bringt,lässtjedes zeitgleiche Geschehen zur Nebensache werden; Augen, Ohren und vor allem die Emotionen des Publikums gehören dann allein ihm. 


Eines der schönsten Bilder auf der Bühne zeichnet Coston, als er Cyrano gemeinsam mit der hoch oben (auf dem Balkon) stehenden Roxane dem Publikum zugewandt zeigt (während Christian lediglich von hinten zu sehen ist): Cyranos vernehmlich leise vorgetragene Liebessehnsucht erreicht da sichtlich ins Herz treffend Roxane – und die Zuschauer. 


Anita Haeussler-Häringer wandelt diese Roxane, die tragische Angebetete, in permanenter Steigerung von der oberflächlich liebenden, hö- fisch umspieltenJungdame zur plötzlich Erkennenden, zutiefst Liebenden. Das untergründig schwingende Band der Verbundenheit zu ihrer wahren großen Liebe, durch sanftsehnsuchtsvoll artikulierte Verse erzeugt, sieht der Zuschauer auch dank der Regiekunst; so etwa, wenn sie lesend schon sich von den Liebesbriefen verzücken lässt, die Cyrano zeitgleich noch schreibt. Um so eindringlicher, sich traumatisch festbrennend dann wird ihre Verzweiflung über den todwunden, sterbenden Cyrano in ihren Armen und ihren doppelten Lebens- und LiebesIrrtum, dem sie in brechender Stimme Ausdruck gibt.  


Zwischen Beiden 


Christian de Neuvillette (Jürgen Hauessler); als Einziger der Garde darf er sich ein nachlässig aufgesetztes Barett leisten – auch darin wird seine Sonderstellung erkennbar, als Protegierter, der über seinen Onkel in die Elitetruppe lanciert wurde, wie als gut aussehender Frauenheld, vor dem Roxane dahinschmilzt. Er kontrapunktiert das Sunnyboy-Aussehen jedoch in Sprache, Verhalten, Nichtverstehen (Haeussler lässt ihn mehrfach als weinerlich erscheinen), um im Tod dem Stück seine Wendung ins Tragische zu geben. 


Ah, Monsieur Graf de Guiche – wie sehr darf man als Zuschauer eine Rolle hassen? Sie, Jürgen Hey, geben diesem geleckten Adligen, diesem unverdient zu Ehren kommenden Kommandeur dieses Blasierte, was einem sofort die Hand zur Faust ballen lässt, gesteigert gar durch ein winziges Emporziehen einer Augenbraue, das als angeborene Hochnäsigkeit im Gegenüber erst recht die Wut anstachelt … Im Jahr 400 nach dem historischen Bergerac zeigt Jürgen Hey, was den Adligen im Barock ausmachte. 


Markante Akzente setzen insbesondere Joachim Rau als wunderbarer Schauspieler-Dichter Montfleury, der nicht nur amüsiert, sondern mit seinem Auftritt die Welt zu Hofe farbenprächtig einbringt, sowie als brodelndes Gute-Laune-Energiebündel der Koch Raguneau (Abraham Avedikian). Barbara Hauck als Hofdame Martha inszeniert Lust an Leiblichem und Genüsslichem, Wernfried Weber als Graf Valvert /Mönch den Zuarbeiter, ohne den die Großen nicht groß werden können. 


 

Veröffentlicht am 13. Juli 2017 in der gedruckten Ausgabe der Von Haus zu Haus.

von: Herbert Geisler

Foto: Herbert Geisler

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